Mittwoch, 04.09.2024
5. Etappe Tyndrum – Kingshouse
29,47 km – 635 HM
Ich war heute Morgen ganz gestresst, da ich wegen der langen Strecke heute früh aufbrechen wollte. Außerdem musste ich meine Schuhe eincremen. Ich weiß nicht, ob es das richtige Produkt war oder ob meine Schuhe diese Pflege nicht gewöhnt sind, aber nach der Behandlung sahen meine Schuhe aus, als hätte man sie in Fett gebadet. Ich hoffte inständig, dass die Schuhe bis zum Ende der Tour durchhielten.
Das Frühstück war liebevoll angerichtet, aber ich bekam kaum etwas runter. Also schnell gepackt, Butterstiefel geschnürt und los.
Heute Morgen hatten wir strahlend blauen Himmel, aber es war mit 9 Grad und ordentlich Wind ziemlich frisch. Zwei Mädels, die ich schon öfter auf der Strecke getroffen hatte, kamen mir mit Handschuhen, Schal und Mütze entgegen. Da ich keine Lust hatte, meine Mütze aus dem Rucksack zu kramen, versuchte ich es mit der Taktik „einfach schneller laufen“. Der Weg war wunderschön. Nicht, dass die Landschaft bei Regen und Nebel nicht auch ihren Reiz hätte, aber bei Sonnenschein ist die Stimmung natürlich VIEL BESSER. Die Highlands sind wirklich beeindruckend. Ich kann mich einfach nicht satt sehen an dieser Landschaft: die saftigen Wiesen, die mal rauen, mal sanften Hügel und die vielen Bäche und Wasserfälle.
Die heutige Etappe ist die längste der Strecke. Da ich am eigentlichen Etappenende nur noch ein Zimmer zu einem horrenden Preis bekommen hätte, hatte ich schon von zuhause aus beschlossen, heute zwei Etappen zu laufen. Die erste Etappe verlief größtenteils auf einer alten Autostraße. Beherrscht wurde diese Etappe vom mächtigen Beinn Dorain, um dessen Südflanke der Weg verlief. Ich lief eine ganze Weile über freies Gelände und hatte deshalb eine unglaubliche Weitsicht.
Die zweite Etappe führte durch das riesige Rannoch Moor, ein nasses Deckenmoor, das eigentlich eher für die weiter nördlich gelegenen Nordwestlichen Highlands typisch ist.
Über gut 10 km verläuft die Etappe völlig ungeschützt am Westrand von Rannoch Moor. Bei gutem Wetter ist der Abschnitt wenig mehr als eine einfache Wanderung auf einem guten Weg. Bei Regen und Sturm kann diese Etappe aber recht unangenehm werden. Viele Wanderer sind der Meinung, dass dieser Abschnitt der schwierigste des gesamten West Highland Way ist. Und es sei nochmals daran erinnert, dass dieses Gebiet jährliche Niederschläge von mehr als 3.000 mm aufweist. Auf der gesamten Strecke bis Blackrock Cottage gibt es keine Schutzhütten oder Häuser. Auch ein Ausweichen durch das Moor zur weit entfernten Straße im Osten ist nicht möglich.
Und prompt wurde das Wetter gegen Mittag wieder deutlich schlechter. Die Wolken zogen auf, es begann zu regnen und der Wind wurde so stark, dass ich meine Regenhose als Windschutz anziehen musste. Und dann war da noch das Problem mit dem oben erwähnten freien Feld und dem schwarzen Tee am Morgen. Es war unmöglich, sich irgendwo in die Büsche zu schlagen, und ich war noch nicht so weit, dass ich mich, umgeben von anderen Wanderern, einfach an den Wegesrand setzen konnte. Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich in der Ferne ein Haus und betete inständig, dass es ein Pub oder ein Hotel sei. Und ich hatte Glück. Es war ein Kiosk. Leider ohne Toilette. Der junge Mann am Tresen meinte, eine Toilette gäbe es nur im angrenzenden Hotel und das würde erst in 20 Minuten öffnen. Okay – ich würde es schaffen. Ich trank einen Kaffee (den teuersten Filterkaffee überhaupt), um mich aufzuwärmen und wartete geduldig. Ich war so erleichtert und glücklich, als die 20 Minuten endlich um waren. Wozu brauche ich teuren Luxus, wenn mich eine Toilette so glücklich macht? Wandern erdet ungemein. 😊
Gegen Nachmittag erreichte ich meine Unterkunft, das Glencoe Mountain Resort – einem kleinen Skigebiet, das aber auch im Sommer allerlei Wanderer anlockt. Hier hatte ich für zwei Nächte eine Microlodge in Form eines liegenden Fasses gebucht. Die Lage war eher naja (direkt auf dem Parkplatz) und innen war die Hütte sehr spartanisch eingerichtet. Aber ich hatte einen Wasserkocher und einen kleinen Heizlüfter. Hier sollte ich also die nächsten 1,5 Tage verbringen. Irgendwie hatte mich das schon die letzten Tage genervt. Ich weiß nicht warum. Vielleicht weil ich ausgebremst wurde und viele, die mit mir gestartet waren, morgen weiterziehen würden. Aber ich musste mich jetzt damit abfinden und das Beste daraus machen. Da das Leitungswasser im Bad braun aus der Leitung kam, habe ich mich erst einmal mit Wasserflaschen aus dem Restaurant eingedeckt und mich dort etwas verweilt, bis meine Hütte aufgewärmt war.
Am Abend, als alle Touristen den Parkplatz verlassen hatten und etwas Ruhe eingekehrt war, wurde es richtig schön. Es gab einen wirklich tollen Sonnenuntergang direkt vor meiner Hütte und ich wurde nicht müde, Fotos davon zu machen.
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