Damals im Ferienlager

Sonntag, 01.09.2024

2. Etappe Drymen – Rowardennan

23,7 km – 673 HM

Das Frühstück in meinem Rosamunde Pilcher Cottage war ganz nach meinem Geschmack (viele kleine Schälchen mit Schischi drin). Mit mir saßen noch zwei Paare am Tisch. Das eine war aus Schottland und das andere aus den USA. Wir kamen auf den Pacific Crest Trail zu sprechen und die Frau erzählte mir, dass sie dort einmal 8 km in die falsche Richtung gelaufen ist, bis sie es bemerkte und dann die ganze Strecke zurücklaufen musste. Gott sei Dank ist der WHW gut ausgeschildert und ich habe meine Navigation auf dem Smartphone UND auf der Uhr. Sicher ist sicher.

Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es auf die zweite Etappe. Das Wetter war heute nicht mehr so schön wie am ersten Tag und es war ziemlich windig. Ich musste mehrmals die Kleidung wechseln, bis ich die richtige Mischung aus Windschutz, nicht zu warm und nicht zu kalt gefunden hatte. Eine kurze Zeit hatte ich meine Regenjacke an und wurde prompt darauf angesprochen, dass das den Regen anziehen würde. Hätte ich die Jacke mal lieber ausgelassen.

Die heutige Etappe führte auf mehr oder weniger guten Pfaden, Wegen und Forststraßen (50 Shades of Mud) durch Wald und offenes Gelände zum größten schottischen Süßwassersee Loch Lomond. Vorher galt es aber noch den Conic Hill zu erklimmen. Hier merkte ich zum ersten Mal, dass man mit einem 12 kg schweren Rucksack vor allem beim Aufstieg doch deutlich langsamer vorankommt als ohne. Vom Conic Hill hat man eine wunderbare Fernsicht auf den Loch Lomond mit seinen Inseln und die umliegende Landschaft. Der WHW verläuft etwas unterhalb des Gipfels. Da ich aber noch genügend Zeit hatte, machte ich einen kleinen Abstecher auf den Gipfel. Der Weg war voller Touristen (nach meinen Tagebuchaufzeichnungen waren es genau 80 Millionen Trillionen Menschen), die lediglich auf den Conic Hill wollten. Wir mussten mit Händen und Füßen klettern, um den Gipfel zu erreichen. Der Wind war so stark, dass ich ein paar Mal fast umgefallen wäre. Aber die Aussicht war wirklich beeindruckend. Der Abstieg, vor allem mit meinem blauen Geschoss auf dem Rücken und den Menschenmassen, die mir entgegenkamen, war eine echte Herausforderung. Ich war froh, als ich wieder unten angekommen bin.

Zurück auf dem Wanderweg war ich etwas irritiert, weil mir Komoot eine andere Route als die offizielle Strecke anzeigte. Aber da 1. die Alternativroute viel schöner aussah, 2. kaum jemand diese Strecke ging und ich 3. meinen Frühstückskaffee wegbringen musste, machte ich mich auf den Weg und dachte insgeheim an die Frau vom Frühstück, die sich auf dem Pacific Crest Trail verlaufen hatte. Ich hoffte, dass mir das nicht passieren würde. Und bis auf die Tatsache, dass mich am Ende des Weges ein verschlossenes Gatter empfing, war der Weg wunderschön: Kaum Menschen, eine großartige Aussicht und vor allem kaum Matsch. Aber dann gab es da noch das Problem mit dem Tor und vor allem mit dem Stacheldraht, der darauf gespannt war. Eigentlich ein Zeichen, dass man da besser nicht drüber klettert. Aber die Alternative wäre ein langer Umweg gewesen. Also hieß es breaking the law: auf Zehenspitzen stellen, halbwegs elegant über den Zaun klettern, hoffen, dass die Hose nicht am Stacheldraht hängen bleibt und mir auf dem kurzen abgesperrten Stück nicht eine wilde Kuh oder ein genervter Bauer entgegenkommt. Alles lief wie am Schnürchen (außer, dass ich eine Schweizerin, die den Weg kreuzte, mit meinen Wanderstöcken fast erstochen hätte) und ich stand erstmals am Loch Lomond. Am See fühlte man sich wie in Kanada. Ringsum Berge, stilles Wasser und ein paar Kanuten. I like.

Was habe ich sonst noch erlebt? Bei einem Kanuverleih lief ein Mann mit einer gefüllten Ananas und einem Strohhalm an mir vorbei (Hawaii-Feeling in Schottland), ein anderer Wanderer nutzte die Gelegenheit, während seine Frau auf der Toilette war, sein Handy an die Boombox anzuschließen und ein Fußballspiel so laut zu streamen, dass halb Schottland (na ja, zumindest der Umkreis von 2 km) mithören konnte. Die Bojen sind hier pink und die Schwimmer haben Badekappen mit Bommel (ungelogen!!).

Gegen 15 Uhr bin ich dann in meiner Unterkunft angekommen. Obwohl ich friedlich draußen gewartet habe, ohne zu stören, wurde ich von der etwas rustikalen Rangerin Alex angemotzt, weil ich zu früh dran war. Daraufhin strafte sie mich für die nächsten 30 Minuten mit Ignoranz. Mit ein paar netten Worten über die Unterkunft und den süßen Hund wurde sie aber nach und nach ganz zugänglich. Die Unterkunft war heute ein vom National Trust of Scotland geführtes Hostel mit 6-Bett-Zimmern.

Die Unterkunft erinnerte an die Ferienlager oder Klassenfahrten von früher. Alles war sehr einfach, aber sauber. Da ich als zweite Frau ankam, hatte ich noch fast die ganze Auswahl. Ich wusste, dass unser eigentliches 6er-Zimmer mit 7 Frauen belegt war und überlegte, was strategisch die beste Alternative wäre. Ich entschied mich für den unteren Teil des Stockbetts, das so weit wie möglich von der Tür entfernt war.

In der Küche gab es verschiedene Gerichte, die man sich selbst zubereiten konnte. Das Geld warf man einfach in eine kleine Kasse. Heute gab es Nudeln mit vegetarischer Bolo. Alex wurde unterdessen nicht müde, mich darauf hinzuweisen, dass es morgen den ganzen Tag stark regnen würde und die Etappe sehr gefährlich sei. Vor allem bei Nässe. Da wurde ich schon etwas nervös.

Im Schlafsaal war ein Kommen und Gehen und ich dachte schon fast, dass das Bett über mir leer bleiben würde. Aber leider kam dann doch eine Frau und ich habe mich fast zu Tode erschreckt, als sie sich mit Schwung auf das Bett warf. Dabei musste ich feststellen, dass ein Brett ihres Lattenrostes angebrochen war. Ich schickte ein paar Stoßgebete zum Himmel, dass das Brett die Nacht überstehen würde.  

Ich musste nur aufpassen, dass ich nicht vom Berg geweht wurde
Vom Berg runter, wurde der Wanderweg erst steinig…
… und dann fand Komoot eine Strecke ganz für mich alleine
Gleich habe ich es geschafft

Beitrag veröffentlicht

in

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert